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ANNETTE GREIF

Atwood, Pinter, Schlöndorff:
The Handmaid's Tale – Intermedial

"Zwei Ziegen fressen die Filmrolle einer Literaturverfilmung. Sagt die eine zur anderen: Das Buch war mir aber lieber!" – Alfred Hitchcock

Seit seiner Premiere auf der Berlinale 1990 wurde in der Forschung immer wieder erörtert, inwiefern der Film The Handmaid's Tale (Drehbuch: Harold Pinter, Regie: Volker Schlöndorff) schlechter sei als Atwoods Roman. Zudem wurde die Frage, wer für den (vermeintlichen) künstlerischen Fehlschlag verantwortlich sei, in der Atwood-, Pinter- und Schlöndorff-Forschung höchst unterschiedlich beantwortet.

Die Dissertation liefert erstmals eine systematische Untersuchung der filmischen Adaption von The Handmaid's Tale, die auch den literarischen Bezugstext ein-schließt, und eine wissenschaftlich begründete Antwort auf die Frage, warum der Film die vorliegende Produktgestalt aufweist. Basierend auf dem Theorie- und Methodenkonzept der kognitiven Hermeneutik, das für die Anwendung auf einen Film und speziell eine Literaturverfilmung weiterentwickelt wurde, wird das jewei-lige Werkkonzept auf die es tragenden weltanschaulichen und kunstprogrammati-schen Überzeugungen der Textproduzentin bzw. der Filmautoren zurückgeführt. Auf dieser Grundlage findet des Weiteren eine kritische Auseinandersetzung mit Forschungspositionen zur Wertung und zur Autorschaft des Films statt.

Die Explikation des Romans erfolgt ausgehend von der These, dass sich mit der Wahl der Gattung Dystopie, dem subjektiven Bericht der Ich-Erzählerin und der Umsetzung des selbst auferlegten künstlerischen Prinzips, das Zukunftsszenario ausschließlich unter Rückgriff auf Elemente der empirischen Wirklichkeit zu kon-struieren, drei grundlegende Gestaltungsideen zu einem umfassenden antifunda-mentalistischen Gegendiskurs fügen, innerhalb dessen die Substitution von Rebel-lenaktivitäten durch Autoraktivitäten ("storytelling") eine wesentliche Rolle spielt.

Ein Kernstück der Forschungsarbeit zum Film und ein Alleinstellungsmerkmal dieser Studie stellt die Auswertung der unveröffentlichten Materialien in allen drei Archiven (Atwood Papers Toronto, Pinter Archive London, Sammlung Schlöndorff Frankfurt/M.) dar. Insbesondere anhand eines detaillierten Nachvollzugs der Konzeptentwicklung von Pinters Erstentwürfen bis zum fertigen Film und der Ermittlung der die Kunstproduktion steuernden Auffassungen der Beteiligten werden u.a. folgende für die Erklärung des Films zentrale Thesen legitimiert:
1) Neben Schlöndorff, der als künstlerischer Leiter in allen Bereichen der filmischen Inszenierung und als letzte Entscheidungsinstanz fungiert, sind sowohl Pinter als dem Verfasser des Ursprungsdrehbuchs, das weitgehend im Film umgesetzt ist, als auch Atwood, deren Mitarbeit an der Skriptüberarbeitung sich konkret im Film niederschägt, substanzielle Anteile an der Autorschaft zuzuschreiben.
2) Prägend für die endgültige Produktgestalt des Films ist das Zusammenwirken zweier Faktoren. Während ein Paradigmenwechsel in Pinters Kunstprogramm ausschlaggebend ist für die Re-Etablierung der dystopischen Rebellenkonvention, bedingen Störungen in Schlöndorffs produktivem Aneignungsprozess, dass er einen Kompromiss zwischen Pinters Ansatz, eigenen und Atwoods Vorstellungen sowie den Anforderungen der Produzenten realisiert.

 

Weitere Informationen und Direktzugriff:

Annette Greif: Atwood, Pinter, Schlöndorff: The Handmaid's Tale – Intermedial. Eine kognitiv-hermeneutische Untersuchung der filmischen Literaturadaption. Düsseldorf: Universitäts- und Landesbibliothek der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf 2017. [Elektronische Ressource]


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Infos zum Beitrag:

  • Publikationsdatum
    04/2018
  • Bereich/Forum
    Erklärende Hermeneutik
    Wissenschaftliches Forum

 

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